Ich bin selbst Legastheniker. Dyslexie-Schriftarten wie OpenDyslexic oder ähnliche habe ich über die Jahre immer wieder ausprobiert – neugierig, hoffnungsvoll, offen. Einen spürbaren Effekt hatte ich nie.
Da ich beim Lesen insgesamt nicht stark eingeschränkt bin, habe ich lange angenommen, dass das schlicht mein persönlicher Eindruck ist. Vielleicht helfen diese Schriften ja anderen, dachte ich. Vielleicht gehöre ich einfach nicht zur „richtigen“ Zielgruppe. Genau diese Frage wurde inzwischen wissenschaftlich untersucht: Bringen spezielle Dyslexie-Schriftarten messbare Vorteile für Menschen mit Legasthenie?
Die Antwort ist bemerkenswert klar – und für manche vielleicht ernüchternd: Nein.
Die Wissenschaft kommt zu dem Ergebnis, dass diese Schriftarten keine Vorteile bieten. Siehe hierzu den aktuellen Artikel auf Daring Fireball. Weder Lesegeschwindigkeit noch Genauigkeit oder Textverständnis verbessern sich signifikant gegenüber ganz normalen, gut gestalteten Standardschriften.
Das bedeutet nicht, dass Menschen sich einbilden, etwas helfe ihnen. Wahrnehmung ist komplex, und individuelle Vorlieben spielen beim Lesen durchaus eine Rolle. Aber es bedeutet, dass der große Heilsversprechen-Narrativ rund um Dyslexie-Schriften wissenschaftlich nicht trägt.
Was hilft stattdessen?
Gut strukturierte Texte. Angemessene Zeilenlängen. Ausreichender Zeilenabstand. Klare Sprache. Und vor allem: individuell passende Strategien, die über Typografie hinausgehen.
Für mich persönlich ist das Ergebnis dennoch nicht enttäuschend. Es bestätigt zwar meine eigene Erfahrung, aber es relativiert vor allem die Erwartung, dass es einfache, technische Lösungen für komplexe kognitive Unterschiede gibt. Trotzdem halte ich es für richtig und wichtig, dass Schriftarten speziell für Dyslexie entworfen werden.
Diese Schriften erfüllen einen anderen, nicht zu unterschätzenden Zweck: Sie schaffen Sichtbarkeit. Sie erinnern daran, dass Lesen und Rechtschreibung nicht für alle Menschen selbstverständlich sind. Dass es Personen gibt, die sich deutlich mehr anstrengen müssen, die langsamer lesen, häufiger Fehler machen oder für dieselbe Leistung mehr Energie aufbringen.
Dyslexie-Schriftarten sind damit weniger ein funktionales Hilfsmittel als ein Signal – für Sensibilität, Inklusion und Bewusstsein. Und allein dafür haben sie ihre Berechtigung. Denn Barrieren entstehen oft nicht durch fehlende Werkzeuge, sondern durch fehlendes Verständnis.

