Was ich diese Woche gelesen habe und interessant fand – KW 40/2026

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Leider etwas verspätet – aber letzte Woche ging es bei mir wieder einmal vor allem um Künstliche Intelligenz: wie wir über sie sprechen, wie schnell sie sich selbst verbessern könnte und wer eigentlich die Entdeckungen macht, die ihr zugeschrieben werden. Daneben habe ich viel zu Grundrechten und politischer Kultur gelesen, zu Staatsfinanzen in Frankreich und Russland sowie einiges zu Führung und Arbeit.

Künstliche Intelligenz

Understanding Parents’ Complex Views of AI for Children’s Pretend Play – Sungho Oh u. a., arXiv Interviews mit zehn US-Eltern zeigen: Dieselben Eigenschaften – Rollen übernehmen, reagieren, sich anpassen – gelten zugleich als Chance und als Risiko. Die größte Sorge ist fehlende Kontrolle. Die Stichprobe ist klein und sehr homogen (sieben von zehn Haushalten mit mindestens 150.000 Dollar Einkommen), das sollte man beim Lesen im Kopf behalten. Das spannenste an diesem Paper ist die Fragestellung: Wie wirkt sich KI auf das Spiel von Kindern aus? Die nächste Frage muss nun sein: Und was folgt daraus?

What if automating AI R&D triggers an intelligence explosion? – Alan Chan, Sören Mindermann u. a. (u. a. mit Geoffrey Hinton, Yoshua Bengio, Jack Clark) Das Papier beschreibt, wie eine automatisierte KI-Forschung bessere KI baut, die wiederum die Forschung beschleunigt – Fortschritte von Jahren könnten auf Monate schrumpfen. Es nennt Zahlen aus den Laboren: Bei Anthropic stieg der KI-Anteil am genehmigten Code bis Mai 2026 auf über 80 Prozent. Lesenswert, weil hier Leute aus den Laboren selbst drei politische Prioritäten formulieren: Einblick gewinnen, steuern und begrenzen, die Gesellschaft vorbereiten.

Did Anthropic’s A.I. Really Make a Scientific Discovery on Its Own? – Carl Zimmer, The New York Times, Anthropic hatte gemeldet, KI-Agenten hätten neue Enzyme in Jumbo-Phagen entdeckt. Der Kopenhagener Biologe Mario Rodríguez Mestre erforscht dieselben Systeme seit 2022 und hatte Claude seine Dissertation und einen Manuskriptentwurf gezeigt; Anthropic bestreitet, auf Nutzerdaten trainiert zu haben. Mich hat die Frage beschäftigt, die Mestre stellt: nicht, ob das Wissen neu war, sondern ob die KI selbst darauf gekommen ist.

Anthropomorphism in the age of Large Language Models – Ismael T. Freire, Marceau Nahon u. a., arXiv Ein Übersichtsartikel mit einer Taxonomie von 21 Risiken, die entstehen, wenn wir Sprachmodellen menschliche Eigenschaften zuschreiben. Die Autoren empfehlen ein nüchternes Vokabular, etwa „erzeugt“ statt „denkt“ und „Fehler“ statt „Halluzination“, und warnen, dass sich Verantwortung von Unternehmen auf „die KI“ verschieben kann. Sie räumen selbst ein, dass es dazu bisher wenig kausale Studien gibt.

How To Write With An LLM – Thomas & Erin Ptacek Die These: selbst schreiben und das Sprachmodell nur als Lektor nutzen. Keine vorgeschlagene Formulierung übernehmen und Lob des Modells misstrauen, aber Passivkonstruktionen, Nominalisierungen und Füllwörter von ihm aufspüren lassen. Lesenswert, weil es konkrete Regeln statt allgemeiner Warnungen gibt.

Wissenschaft & Hochschulen

Generationenwechsel verändert die Arbeit an Hochschulen – CHE Centrum für Hochschulentwicklung, via idw 68 Prozent der Rektorinnen, Rektoren und Präsidenten sind mindestens 55 Jahre alt und gehen in den kommenden zehn bis zwölf Jahren in den Ruhestand. Laut Sigrun Nickel gibt es aber keinen einheitlichen demografischen Wandel: Der Anteil der Beschäftigten ab 50 reicht von 30 Prozent in Brandenburg bis 47 Prozent in Bremen. 62 Prozent der Kanzlerinnen und Kanzler erwarten neue Arbeitsfelder, vor allem Digitalisierung und KI-Governance; rund drei Viertel lehnen die Promotion als formale Voraussetzung für Leitungsfunktionen ab.

New Cancer Drugs Are Revolutionary. Why Don’t More Patients Get Them? – Gina Kolata, The New York Times Viele Krebspatienten in den USA bekommen keinen Gentest ihres Tumors und damit keinen Zugang zu zielgerichteten Medikamenten – bei metastasiertem Brustkrebs wurden in einer Studie 60 Prozent nicht getestet. Gründe sind unzureichende Biopsien, das Tempo der Zulassungen (im Schnitt ein neues Krebsmedikament pro Woche) und hohe Preise. Der Artikel zeigt gut, dass Forschungsfortschritt erst dann zählt, wenn er in der Versorgung ankommt.

Politik & Recht

Ärzte, Aktivistinnen und Internetnutzer: Diese Geheimdienstreform betrifft uns alle – Anna Biselli, netzpolitik.org Der Artikel geht die Reform von BND- und Verfassungsschutzgesetz Gruppe für Gruppe durch: Ärzte und Journalisten, deren Vertraulichkeit nur noch relativ geschützt sein soll, Aktivisten, Kfz-Werkstätten, die Telemetriedaten liefern sollen, und Betreiber von Videokameras. Die Bundesärztekammer fordert einen absoluten Schutz des Arztgesprächs. Lesenswert, weil er die abstrakte Debatte über große Bedrohungen auf konkrete Alltagsfälle herunterbricht.

Inside CDU, Staffel 2 – ZDF Die Dokuserie begleitet die Partei in vier Folgen durch die Wahlkämpfe 2026 begleitet, von der Hoffnung nach einem Wahlerfolg im Westen bis zum Versuch, „ein Debakel im Osten zu verhindern“. Sehr sehenswert und erschreckend wie wenig professionell die CDU heute leider agiert. 

Alles schrecklich – der Fall Amthor und die Gerechtigkeit – Thomas Fischer, SPIEGEL (Kolumne) Fischer nimmt die Aufregung um einen Strandkorb für 1.600 Euro zum Anlass, über Gerechtigkeitsfragen zu schreiben. Seine These: Hinter der Wut stecke vor allem Angst vor Kontrollverlust, und die begünstige Rufe nach radikalen „Superlösungen“. Eine Meinungskolumne, die man auch als solche lesen sollte.

„Man kann nicht nach vorne gehen und nach hinten leben“ – Xaver von Cranach, SPIEGEL Eine Reportage über Robert Habeck, der inzwischen an der Copenhagen Business School lehrt und ein Buch über die Arktis geschrieben hat. Er warnt davor, das AfD-Ergebnis in Sachsen-Anhalt auf einzelne Faktoren zurückzuführen, und verweist auf rechtspopulistische Bewegungen in allen westlichen Demokratien. Eine Rückkehr in die Berliner Politik oder eine Parteigründung schließt er aus.

Deutsches Heer stellt „Drohnenregiment“ auf – Thomas Wiegold, Augen geradeaus! Das Heer stellt 2027 ein Regiment auf, das Entwicklung, Erprobung und Einsatz unbemannter Systeme bündelt. Angekündigt haben das Verteidigungsminister Pistorius und Heeresinspekteur Freuding nach einem Besuch der „Experimentalserie Land“ in Bergen.

Wirtschaft & Raumfahrt

Isar Aerospace – Der 100-Milliarden-Plan der Raketenfirma – Thomas Jahn, Handelsblatt Die Spectrum-Rakete hat beim zweiten Versuch Satelliten in den Orbit gebracht; SpaceX hatte dafür vier Anläufe gebraucht. Die Gründer kommen aus dem Hyperloop-Team der TU München, die Firma ist bis 2028 ausgebucht und plant eine Fabrik für bis zu 40 Raketen im Jahr. Lesenswert als Gegenbeispiel zur verbreiteten Erzählung, Deutschland habe in Zukunftstechnologien den Anschluss verloren.

So will Putin den Ukraine-Krieg im kommenden Jahr finanzieren – Carsten Volkery, Handelsblatt Der russische Haushaltsentwurf 2027 sieht 17,1 Billionen Rubel für Verteidigung vor, rund 35 Prozent der Ausgaben. Das Defizit soll über neue Steuern sinken, während zehnjährige Anleihen mit 16 Prozent rentieren und acht Prozent des Haushalts in den Schuldendienst fließen. Ein knapper, zahlenreicher Überblick.

Druck der Anleihemärkte auf Frankreich erreicht riskantes Niveau – Friederike Hofmann, Handelsblatt Die Rendite zehnjähriger französischer Staatsanleihen nähert sich 5 Prozent, der Abstand zu Deutschland ist so groß wie seit 2012 nicht mehr. Der Haushalt 2027 sieht 54 Milliarden Euro Einsparungen vor, die Regierung hat aber keine Mehrheit. Der Artikel macht deutlich, wie stark die bevorstehende Präsidentschaftswahl die Unsicherheit verstärkt.

Das ist die Schraube, auf die Millionen VW-Besitzer warten – Haiko Tobias Prengel, SPIEGEL VW ruft weltweit über vier Millionen Autos zurück, weil eine Lenkgetriebe-Schraube rosten kann; die rostgeschützte Ersatzschraube ist kaum lieferbar. Manche Kunden bekommen deshalb vorerst wieder die alte Schraube. Laut ADAC sind Rückrufe in Deutschland seit 2009 um rund 181 Prozent gestiegen.

Arbeit & Führung

„Führungskräfte reden im Schnitt zu viel“ – Benjamin Ansari, Handelsblatt (Interview mit Alison Wood Brooks) Die Harvard-Professorin empfiehlt, selbst für private Gespräche kurz Themen vorzubereiten: Schon 30 Sekunden und fünf notierte Stichworte helfen. Sie rät zu „Was“- statt „Warum“-Fragen, weil Letztere schnell anklagend wirken. Führungskräfte sollten sich eher als Gastgeber verstehen und die Moderation von Besprechungen abgeben.

Depressionen bei Leistungsträgern bleiben oft unsichtbar – Claudia Obmann, Handelsblatt (Interview mit Ulrich Hegerl) Der Vorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe erklärt, warum auch leistungsfähige Mitarbeitende schwer erkrankt sein können und warum er den Begriff „Burn-out“ für irreführend hält. Vorgesetzte sollen keine Diagnose stellen, aber das Gespräch suchen. Wichtig für alle, die Personalverantwortung tragen.

Technik & Fundstücke

DelayBahn zeigt Züge jetzt auf der Karte – Oliver Posselt, Caschys Blog Der Dienst zeigt unter „Wo ist mein Zug?“ Züge auf einer Karte und bietet Ankunftsalarm und Problemmeldungen von Reisenden. Die Positionen sind allerdings aus dem Fahrplan geschätzt, keine echten Live-Daten.

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